Orgelwerke | Orgel + | Weitere Solowerke | Kammermusik

Dominik Susteck: Raumgestalten (2018) für Orgel | Spieldauer: 55 Minuten
Schraffur – Mond – Geometrische Figuren – Apokalypse – Tropfen – Endzeit

Noten zur Ansicht [hier]

Der einstündige Orgelzyklus „Raumgestalten“ entfaltet in seinen sechs Sätzen heterogenes musikalisches Material. Als Kompositionsauftrag des Deutschlandfunk wurde er nicht am Stück uraufgeführt, sondern von unterschiedlichen Interpreten: Angela Metzger, Michael Sattelberger, Age-Freerk Bokma und Kensuke Ohira. Die erstgenannte Interpretin hat ihn auf der folgenden CD insgesamt eingespielt.

I. „Schraffur“ ist ein auf Repetition aufgebauter Satz, der in seiner über zehn Minuten dauernden Großform fast schon ein eigenständiges Konzertstück bildet. Unscheinbar, mit pochendem Rhythmus beginnend, entfaltet sich die Musik. Klangkaskaden greifen den Rhythmus auf, verstauchen ihn zu Geräuschen und Oktaven. Ein Scherzando-Abschnitt bringt ihn schließlich in insistierende, akkordische Farben, die widerwillig ihre Akkordstruktur behalten. Gegen Ende bäumt sich die Musik noch einmal mit reduziertem Wind auf, bevor sie im Pochen eines Einzeltons verschwindet.

II. „Mond“ ist ein ruhiger Satz, der mit seinem ständig abgewandelten Terzmotiv wie aus der Ferne Orientierung bietet. Schwebungen, Cluster, in sich bewegte Akkorde und polyphone Techniken bringen die Orgel zum Flimmern. Ruhe und Bewegung treffen zusammen, bevor die Musik von einer absteigenden Linie nach unten verschluckt wird.

III. „Geometrische Figuren“ ist ein streng mit additiver Rhythmik durchkomponierter Satz. Einzelne Stimmen entfalten sich vom Solo-Echo bis zum Trio. Gegen Ende wird die immer neu ansetzende Klarheit durch geräuschhafte Cluster durchbrochen. Sie löst sich mit verspielten Vorhalten auf.

IV. „Apokalypse“ ist ein Tutti-Satz in voller Lautstärke. Nach unten strebende Dissonanzen in additiver Rhythmik in höchsten und tiefsten Lagen erzeugen starke Spannungen. Die unscharfe, mit Dissonanzen gebrochene Oktave bildet das kompositorische Prinzip, das bis zum Ende durchgehalten und mit Clustern angereichert wird.

V. „Tropfen“ ist für ein Schlagwerk der Orgel komponiert. Es kann aber auch mit Pfeifenklängen realisiert werden. Glockenspiele klingen nach und entfalten sich. Zunächst treten sie in durchbrochenen Arpeggien auf. In konstanter Repetition entfalten sich die Schlagwerke, bevor sie in einzelnen Schlagtönen wie eine Uhr abtropfen.

VI. „Endzeit“ ist mit knapp zwanzig Minuten der längste Satz des Zyklus‘. Zugleich tritt er kompositorisch aus der dramaturgischen Zeit heraus. Seine einzelnen Elemente, die immer wieder von langen Pausen unterbrochen werden, könnten eine beliebige Reihenfolge annehmen. So bildet sich eine große Ungewissheit, da alles überall auftreten kann. Es entsteht eine kompositorische „Aufhebung“ der Zeit.

Trotzdem kann man sich erinnern: Eine leere Quinte, dramatische Klangballungen, fantastische Akkorde. Einzeltöne verändern sich, knicken ein oder Wabern mit unterschiedlichen Tremulantengeschwindigkeiten vor sich hin. Wie aus dem Nichts entstehen weite Felder, deren Registrierung changiert. Nach einiger Zeit setzt eine Melodie an, fragmentarisch. Ein fernes Rumpeln. Maschinenartige Wiederholungen. Zerknautschte Klänge mit finsterem Geräusch…Stille. 

Dominik Susteck